»Musikgeschichte an den Rändern schreiben«: Interview mit Prof. Dr. Hendrik Schulze

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Hendrik Schulze über geistliche Gesänge, Grenzräume und marginalisierte Gruppen im Alpenraum
Herr Professor Schulze, worum geht es in Ihrem aktuellen Forschungsprojekt?
Das Projekt widmet sich einem der aus meiner Sicht drängendsten methodologischen Probleme der aktuellen historischen Musikwissenschaft: der Frage, wie die Geschichte der Musik marginalisierter Gruppen angemessen dargestellt werden kann.
Im europäischen musikwissenschaftlichen Kontext meint der Begriff „marginalisierte Gruppen“ sehr viel mehr, als man vielleicht zunächst vermuten würde. Er umfasst im Grunde nahezu alle Bevölkerungsgruppen außer jenen, die dem Adel oder der gebildeten Elite angehörten und in Regionen lebten, die traditionell als kulturelle Zentren, also vor allem in Großstädten oder an bedeutenden Höfen, gelten.
Wenn man diese Gruppen in eine musikwissenschaftliche Darstellung einbeziehen möchte, muss man sich zwangsläufig jenen Aspekten des musikalischen Lebens zuwenden, die in der kulturellen Peripherie, am Rand gesellschaftlicher Strukturen oder in Grenzregionen angesiedelt sind.
Was bedeutet das methodisch für die historische Musikwissenschaft?
Es bedeutet, dass wir andere Fragen stellen müssen. Eine solche Perspektive kann sich nicht allein an den etablierten Zentren, bekannten Komponist*innennamen oder höfischen Institutionen orientieren.
Notwendig ist vielmehr ein Ansatz, der kulturelle, sprachliche und epistemische Grenzen, also Grenzen des Wissens, der Wahrnehmung und der Deutung, berücksichtigt. Ebenso wichtig sind die Prozesse, durch die solche Grenzen überschritten, verschoben oder ausgehandelt werden. Gerade dadurch entstehen liminale Räume, also Übergangsräume, in denen Identitäten, Zugehörigkeiten und kulturelle Praktiken nicht einfach feststehen, sondern verhandelt werden.
So soll das Projekt dazu beitragen, historische Musikwissenschaft methodologisch zu erweitern. Es geht darum, Wege zu entwickeln, wie Musikgeschichte so geschrieben werden kann, dass marginalisierte Gruppen, kulturelle Peripherien und liminale Räume nicht nur am Rand vorkommen, sondern analytisch ernst genommen werden.
Die zentrale Frage lautet also: Wie verändert sich unser Bild der Musikgeschichte, wenn wir nicht von den Zentren ausgehen, sondern von den Rändern, Übergängen und Grenzräumen?
An welchem Material entwickeln Sie diesen Ansatz?
Ich entwickle diesen Ansatz anhand mehrerer Fallstudien, die sich alle mit geistlichen Gesängen in der Zeit der Gegenreformation im Alpenraum zwischen Bodensee und Comer See beschäftigen.
Diese Region ist für die Fragestellung besonders geeignet, weil sie sich durch eine außerordentliche Vielfalt auszeichnet: sprachlich, kulturell, religiös, politisch, geographisch, sozial und sogar kosmologisch.
Was macht diese Region konkret so vielfältig?
In dieser Region sprechen verschiedene Bevölkerungsgruppen Italienisch, Rätoromanisch und Deutsch, jeweils in unterschiedlichen Dialekten. Diese Sprachen verweisen zugleich auf unterschiedliche kulturelle Hintergründe.
Im 17. und 18. Jahrhundert herrschte zudem eine starke Rivalität zwischen der römisch-katholischen und der reformierten Konfession. Diese religiösen Zugehörigkeiten verliefen nicht immer sauber getrennt, sondern konnten in denselben Gemeinden oder sogar innerhalb derselben Familien nebeneinander bestehen.
Politisch war die Region ebenfalls stark fragmentiert. Sie war zwischen den spanischen Habsburgern im Herzogtum Mailand, den österreichischen Habsburgern im Rheintal und in Teilen des Engadins, den Drei Bünden und verschiedenen Schweizer Kantonen aufgeteilt. Sowohl Graubünden als auch die Schweiz herrschten über sogenannte Untertanenländer, die ähnlich wie Kolonien verwaltet und ausgebeutet wurden. Das führte immer wieder zu Widerstand, teilweise auch zu gewaltsamem Widerstand.
Welche Rolle spielt die Geographie für Ihre Forschung?
Die Topographie ist in dieser Region von zentraler Bedeutung. Seen, Flusstäler und Gebirgszüge trennten die dort lebenden Gruppen voneinander, verbanden sie aber zugleich.
Das zerklüftete Gelände machte Zusammenarbeit notwendig: für Handel, Nahrungsmittelproduktion, Versorgung, Austausch und Verteidigung. Die Landschaft war also nicht einfach nur Hintergrund, sondern sie prägte soziale Beziehungen, politische Abhängigkeiten und kulturelle Austauschprozesse wesentlich mit.
Sie sprechen auch von sozialer Mobilität und unterschiedlichen Weltbildern. Warum ist das für die Musikgeschichte relevant?
In der betrachteten Zeit wies die Region eine etwas höhere soziale Mobilität auf als viele andere europäische Regionen. Das gilt sowohl für Aufstiegs- als auch für Abstiegsbewegungen. Unterschiedliche politische und wirtschaftliche Systeme konkurrierten miteinander, während Naturkatastrophen und militärische Auseinandersetzungen zusätzliche Unsicherheiten erzeugten.
Hinzu kommt, dass verschiedene kosmologische Systeme nebeneinander existierten. Man findet Weltanschauungen, die auf neuplatonischen, aristotelischen oder cartesianischen Philosophien beruhen. Diese Vielfalt zwang die Menschen dazu, über Unterschiede nachzudenken, Identitäten zu stabilisieren oder auch infrage zu stellen.
Genau deshalb sind für diese Region mehr private und öffentliche Dokumente überliefert, als man vielleicht erwarten würde.
Welche Quellen sind für das Projekt besonders wichtig?
Besonders wichtig sind persönliche Gebetbücher. Sie enthalten oft handschriftliche Noten und eröffnen damit Einblicke in individuelle religiöse und musikalische Praktiken.
Solche Quellen sind für die Fragestellung zentral, weil sie Perspektiven festhalten, die in der traditionellen Musikgeschichtsschreibung häufig kaum vorkommen. Sie geben Hinweise darauf, wie marginalisierte Gruppen geistliche Gesänge nutzten, veränderten, weitergaben und in ihre eigenen Lebenszusammenhänge integrierten.
Was lässt sich an diesen Quellen konkret nachvollziehen?
Sie zeigen, dass musikalisches Leben nicht nur in den großen Zentren stattfand. Geistliche Gesänge waren Teil lokaler, regionaler und transregionaler Aushandlungsprozesse. Sie bewegten sich zwischen Sprachen, Konfessionen, politischen Ordnungen und sozialen Gruppen.
Damit wird Musikgeschichte nicht mehr nur als Geschichte von Werken, Komponist*innen oder Institutionen sichtbar, sondern als Geschichte von Praktiken, Übertragungen, Anpassungen und Grenzüberschreitungen.
Ein besonders aufschlussreiches Beispiel sind Gesänge aus Chiavenna in Italien. Dort wurden die Überreste des Oratoriums in Verbindung mit einer Quelle geistlicher Gesänge aus dem 17. Jahrhundert untersucht, die dort entstanden sind. Ein weiterer wichtiger Quellenbestand befindet sich im Graubündner Staatsarchiv in Chur, wo Gebetbücher aufbewahrt werden, die für das Projekt von großer Bedeutung sind.
Außerdem sind einige der Gesänge aus Chiavenna in der Kirche Nossaduna dalla Glisch bei Trun in der Surselva in anderer Gestalt wieder aufgetaucht. Gerade solche Wiederbegegnungen sind besonders aufschlussreich, weil sie zeigen, wie Gesänge über sprachliche, konfessionelle und territoriale Grenzen hinweg zirkulieren und sich dabei verändern konnten.