»Josef Gabriel Rheinberger – die Vokalmusik«
Ein Symposium an der Stella Vorarlberg Privathochschule für Musik Feldkirch vom 25.-26.11.2026

Josef Gabriel Rheinberger, ca. 1880, Portraitfotografie von Franz Hanfstaengl, München (Liechtensteinisches Landesarchiv Vaduz)
Im Zentrum des Liedkomponierens von Josef Gabriel Rheinberger steht eigentlich das Chorlied bzw. die weltliche Chormusik, weniger das Sololied zwischen Kunstlied und Gelegenheitslied. Sein Liedschaffen spannt allerdings den Bogen vom Frühwerk (die Lieder op. 3 und 4 entstanden zwischen 1857 und 1862) zum Spätwerk mit dem letzten im Druck erschienenen Liedopus 158. So liegen Lieder aus allen Schaffensbereichen vor – wobei die ausgesprochenen Gelegenheitskompositionen als Werke ohne Opuszahl oder als Jugendwerke bislang unveröffentlicht blieben. Seine Lieder hat Rheinberger zwar jeweils zu einem Heft zusammengestellt, sie bilden aber im seltensten Fall Zyklen – ablesbar am Fehlen einheitsstiftender Motive (musikalisch oder textlich) oder sinnstiftender. So sind auch die Sololieder Rheinbergers schlicht in der kompositorischen Ausgestaltung der Gesangsstimme und mit einem sich meist deutlich unterordnenden Klaviersatz versehen; der Komponist knüpft deutlich an Schubert oder Mendelssohn an, weniger an Schumann.
Allerdings sind unter den Liedkompositionen Rheinbergers Funde von außerordentlicher Schönheit zu machen: Nicht nur das Spätwerk überzeugt durch seine Dramaturgie und Farbgebung, auch die Lieder auf Texte von Savonarola, Petrarca und Michelangelo op. 129 sind bemerkenswerte Exemplare einer für Rheinberger niemals epochalen, sondern nur als kompositorischen Moment des Augenblicks verstandenen Gattung. Die Texte für seine Kompositionen – wenn sie nicht aus der Feder seiner Frau stammten – fand Rheinberger in zeitgenössischen Gedichtbänden, die heute weitgehend dem Vergessen anheimgefallen sind. Etliche der Jugendlieder von Rheinberger, die in seinem Heimatort Vaduz entstanden sind, fanden Eingang in die zu Lebzeiten erfolgreichste, inzwischen auch (wie alle anderen musikdramatischen Werke des Komponisten) von den Bühnen vollkommen verschwundene Oper Die sieben Raben op. 20.
Dass Rheinberger darüber hinaus mit seinen weltlichen Chorliedern zu Lebzeiten größeren Erfolg hatte als mit seinem einen erheblich weiteren Umfang umfassenden geistlichen Vokalwerk, ist heute vergessen; auch sind die Erstdrucke von weltlichen Chorsammlungen Rheinbergers in Bibliotheken heute weiter verbreitet als etwa die seiner Motetten – war der Markt für weltliche Chormusik im späten 19. Jahrhundert doch erheblich größer, da sich das Chor- und Gesangvereinswesen in Deutschland zu einem regelrechten Massenphänomen entwickelte.
Rheinbergers weltliche Vokalmusik beträgt immerhin rund ein Viertel seiner Werke mit Opuszahl – darunter Rheinbergers Chorballaden für gemischte Stimmen und Klavier, Kompositionen für Chor, denen ein Gedicht mit primär erzählendem Charakter zugrunde liegt – eben eine Ballade; Rheinberger selbst verwendete für keines seiner Werke das Kompositum ›Chorballade‹ als Gattungsbezeichnung, in diesem Kontext erscheint es jedoch trotz des gelegentlichen Auftretens von Solostimmen (in Toggenburg op. 76, dem einzigen größer dimensionierten Werk nur mit Klavierbegleitung, oder Die tote Braut op. 81) durchaus angebracht.
Bis auf Ludwig Uhlands Ballade Das Schloß am Meere sind die Dichter der Chorballaden Rheinbergers vergessen: Der Text zu op. 17,2 stammt von Samuel Christian Pape, die Texte zu König Erich op. 71, den zwei Gesängen op. 75 und der toten Braut op. 81 von Robert Reinick; den Text des für die Gattung zentralen Oeuvres Toggenburg op. 76 – die blutige ostschweizerische Geschichte der Heiligen Ida – stammt von Fanny Rheinberger. Diese Chorballade ließ mehrfach Verleger um eine Orchesterfassung bitten: Die Musik Rheinbergers schafft durch motivisch-thematische Vermittlung und Durchgestaltung den großen Bogen und lässt die Freude am opernhaften Drama auch in der verhältnismäßig kleinen Gattung Chorballade aufleuchten.
Im Mittelpunkt des Symposiums steht infolgedessen eine multiperspektivische Kontextualisierung des Vokalschaffens von Rheinberger; dazu gehört auch eine Auseinandersetzung mit den dichterischen Vorlagen. Weiterhin soll das Liedschaffen des Freundeskreises (Franz Lachner, Johannes Brahms, Franz von Holstein) thematisiert werden; als Ausblick gerät das Liedschaffen der ›Münchner Schule‹ (Ludwig Thuille, Max von Schillings, Walter Braunfels, Richard Trunk) in den Fokus.