Künstlerische Forschung zu Gesundheitserfahrungen

Wie lassen sich subjektive Erfahrungen von Krankheit durch Musik erfahrbar machen? Dieser Frage widmet sich ein aktuelles Kooperationsprojekt der Stella Vorarlberg Privathochschule für Musik mit dem Digital Health Design Living Lab der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).
Das Projekt knüpft an die erfolgreiche Zusammenarbeit im Rahmen des ResonanzLab-Projekts „KlimaEmotion“ an und wird im Sommersemester 2026 in der Lehrveranstaltung Artistic Project / Projektseminar fortgeführt. Ausgangspunkt sind ausgewählte Interviewausschnitte aus dem internationalen Forschungsnetzwerk DIPEx (Database of Individual Patient Experiences), das subjektive Erfahrungen von Betroffenen wissenschaftlich dokumentiert und für Forschung, Gesundheitsversorgung und Öffentlichkeit zugänglich macht.
Im aktuellen Projekt stehen Erfahrungen von Menschen mit Multipler Sklerose sowie mit Hirnverletzungen nach Unfällen im Mittelpunkt. Themen wie Rehabilitation, Schmerz, Resilienz, veränderte Lebensperspektiven, soziale Beziehungen oder die Rolle von Unterstützungssystemen bilden den Ausgangspunkt für die künstlerische Auseinandersetzung.
Im Unterschied zum vorausgegangenen Kooperationsprojekt „KlimaEmotion“, bei dem die Studierenden mit bereits entwickelten Text-Bild-Kombinationen arbeiteten, setzt das aktuelle Projekt deutlich früher im Forschungs- und Gestaltungsprozess an. Ausgehend von ausgewählten Interviewzitaten recherchieren die Studierenden eigenständig die jeweiligen Krankheitsbilder und Lebenssituationen der Betroffenen und entwickeln daraus individuelle künstlerische Zugänge.
Im Zentrum des Projekts stehen sogenannte Audiokarten. Die Studierenden gestalten zu ausgewählten Zitaten eigene Klang- und Musiksequenzen, die die Erfahrungen der Betroffenen nicht illustrieren, sondern künstlerisch interpretieren und erfahrbar machen. Dabei entstehen sehr unterschiedliche musikalische Perspektiven auf Themen wie Rehabilitation, Schmerz, Identitätsveränderung, Resilienz und die Suche nach neuen Handlungsmöglichkeiten im Leben mit chronischen Erkrankungen oder nach einschneidenden gesundheitlichen Ereignissen.
Besonders deutlich zeigt sich in diesem Projekt das Potenzial künstlerischer Forschung als eigenständige Form der Erkenntnisgewinnung. Viele Studierende begegneten den Themen Krankheit, Rehabilitation und neurologische Beeinträchtigung zunächst mit einer gewissen Unsicherheit oder Distanz. Die geschilderten Erfahrungen lagen oftmals außerhalb ihres unmittelbaren Erfahrungsraums und waren rein kognitiv nur schwer zugänglich.
Durch die intensive Beschäftigung mit den biografischen Erzählungen entwickelte sich jedoch bei vielen Studierenden eine bemerkenswerte persönliche Beziehung zu den behandelten Themen. Aus anfänglichen Berührungsängsten entstand eine ernsthafte, reflektierte und teilweise auch biografisch geprägte Auseinandersetzung mit Fragen von Verletzlichkeit, Verlust, Anpassung, Hoffnung und persönlichem Wachstum. In einzelnen Fällen entstanden Anknüpfungen an eigene Erfahrungen oder an Erlebnisse im familiären Umfeld. Die künstlerische Arbeit eröffnete damit Zugänge zu Lebensrealitäten, die sich nicht allein durch wissenschaftliche Analyse erschließen lassen.
Der künstlerische Prozess wurde so selbst zu einem Forschungsraum. Musik diente nicht nur der Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern wurde zum Medium des Verstehens, der Reflexion und des Perspektivenwechsels. Die Studierenden erforschten, wie Klang und musikalische Gestaltung emotionale, soziale und existenzielle Dimensionen von Krankheit sichtbar machen können und welche Formen ästhetischer Übersetzung geeignet sind, subjektive Erfahrungen für andere nachvollziehbar werden zu lassen.
Gerade darin liegt eine zentrale Qualität von Artistic Research: Wissen wird nicht ausschließlich beschrieben oder kommuniziert, sondern durch künstlerische Prozesse erzeugt, reflektiert und erfahrbar gemacht. Die Kooperation verbindet Gesundheitsforschung, Design und Musik in einem transdisziplinären Forschungssetting und zeigt exemplarisch, wie Kunst und Wissenschaft gemeinsam neue Zugänge zu gesellschaftlich relevanten Themen eröffnen können.
Projektpartner
- Stella Vorarlberg Privathochschule für Musik
- Digital Health Design Living Lab (DHDLL), Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)
Bild: Martina Taubenberger