{"id":6558,"date":"2026-06-22T09:52:20","date_gmt":"2026-06-22T07:52:20","guid":{"rendered":"https:\/\/stella-musikhochschule.ac.at\/musikgeschichte-an-den-raendern-schreiben"},"modified":"2026-06-22T10:00:17","modified_gmt":"2026-06-22T08:00:17","slug":"musikgeschichte-an-den-raendern-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stella-musikhochschule.ac.at\/en\/musikgeschichte-an-den-raendern-schreiben","title":{"rendered":"\u00bbMusikgeschichte an den R\u00e4ndern schreiben\u00ab: Interview mit Prof. Dr. Hendrik Schulze"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1068\" height=\"530\" src=\"https:\/\/stella-musikhochschule.ac.at\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Militia_est_vita_Hominis.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6557\" srcset=\"https:\/\/stella-musikhochschule.ac.at\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Militia_est_vita_Hominis.jpg 1068w, https:\/\/stella-musikhochschule.ac.at\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Militia_est_vita_Hominis-300x149.jpg 300w, https:\/\/stella-musikhochschule.ac.at\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Militia_est_vita_Hominis-768x381.jpg 768w, https:\/\/stella-musikhochschule.ac.at\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Militia_est_vita_Hominis-40x20.jpg 40w\" sizes=\"auto, (max-width: 1068px) 100vw, 1068px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Foto:\u00a0Anon., Canzoni spirituali, e morali che si canta nell\u2019Oratorio di Chiavenna, Mailand [1662], S. 131.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Gespr\u00e4ch mit\u00a0Prof. Dr.\u00a0Hendrik Schulze \u00fcber geistliche Ges\u00e4nge, Grenzr\u00e4ume und marginalisierte Gruppen im Alpenraum\u00a0<\/h3>\n\n\n\n<p><strong>Herr&nbsp;Professor&nbsp;Schulze, worum geht es in Ihrem aktuellen Forschungsprojekt?<\/strong>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Projekt widmet sich einem der aus meiner Sicht dr\u00e4ngendsten methodologischen Probleme der aktuellen historischen Musikwissenschaft: der Frage, wie die Geschichte der Musik marginalisierter Gruppen angemessen dargestellt werden kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im europ\u00e4ischen musikwissenschaftlichen Kontext meint der Begriff&nbsp;\u201emarginalisierte Gruppen\u201c&nbsp;sehr viel mehr, als man vielleicht zun\u00e4chst vermuten w\u00fcrde. Er umfasst im Grunde nahezu alle Bev\u00f6lkerungsgruppen au\u00dfer jenen, die dem Adel oder der gebildeten Elite angeh\u00f6rten und in Regionen lebten, die traditionell als kulturelle Zentren, also vor allem in Gro\u00dfst\u00e4dten oder an bedeutenden H\u00f6fen,&nbsp;gelten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man diese Gruppen in eine musikwissenschaftliche Darstellung einbeziehen m\u00f6chte, muss man sich zwangsl\u00e4ufig jenen Aspekten des musikalischen Lebens zuwenden, die in der kulturellen Peripherie, am Rand gesellschaftlicher Strukturen oder in Grenzregionen angesiedelt sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was bedeutet das methodisch f\u00fcr die historische Musikwissenschaft?<\/strong>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es bedeutet, dass wir andere Fragen stellen m\u00fcssen. Eine solche Perspektive kann sich nicht allein an den etablierten Zentren,&nbsp;bekannten Komponist*innennamen&nbsp;oder h\u00f6fischen Institutionen orientieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Notwendig ist vielmehr ein Ansatz, der kulturelle, sprachliche und epistemische Grenzen,&nbsp;also Grenzen des Wissens, der Wahrnehmung und der Deutung,&nbsp;ber\u00fccksichtigt. Ebenso wichtig sind die Prozesse, durch die solche Grenzen \u00fcberschritten, verschoben oder ausgehandelt werden. Gerade dadurch entstehen liminale R\u00e4ume, also \u00dcbergangsr\u00e4ume, in denen Identit\u00e4ten, Zugeh\u00f6rigkeiten und kulturelle Praktiken nicht einfach feststehen, sondern verhandelt werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So soll das Projekt dazu beitragen, historische Musikwissenschaft methodologisch zu erweitern. Es geht darum, Wege zu entwickeln, wie Musikgeschichte so geschrieben werden kann, dass marginalisierte Gruppen, kulturelle Peripherien und liminale R\u00e4ume nicht nur am Rand vorkommen, sondern analytisch ernst genommen werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die zentrale Frage lautet also: Wie ver\u00e4ndert sich unser Bild der Musikgeschichte, wenn wir nicht von den Zentren ausgehen, sondern von den R\u00e4ndern, \u00dcberg\u00e4ngen und Grenzr\u00e4umen?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>An welchem Material entwickeln Sie diesen Ansatz?<\/strong>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich entwickle diesen Ansatz anhand mehrerer Fallstudien, die sich alle mit geistlichen Ges\u00e4ngen in der Zeit der Gegenreformation im Alpenraum zwischen Bodensee und Comer See besch\u00e4ftigen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Region ist f\u00fcr die Fragestellung besonders geeignet, weil sie sich durch eine au\u00dferordentliche Vielfalt auszeichnet: sprachlich, kulturell, religi\u00f6s, politisch, geographisch, sozial und sogar kosmologisch.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was macht diese Region konkret so vielf\u00e4ltig?<\/strong>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Region sprechen verschiedene Bev\u00f6lkerungsgruppen Italienisch, R\u00e4toromanisch und Deutsch, jeweils in unterschiedlichen Dialekten. Diese Sprachen verweisen zugleich auf unterschiedliche kulturelle Hintergr\u00fcnde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im 17. und 18. Jahrhundert herrschte zudem eine starke Rivalit\u00e4t zwischen der r\u00f6misch-katholischen und der reformierten Konfession. Diese religi\u00f6sen Zugeh\u00f6rigkeiten verliefen nicht immer sauber getrennt, sondern konnten in denselben Gemeinden oder sogar innerhalb derselben Familien nebeneinander bestehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Politisch war die Region ebenfalls stark fragmentiert. Sie war zwischen den spanischen Habsburgern im Herzogtum Mailand, den \u00f6sterreichischen Habsburgern im Rheintal und in Teilen des Engadins, den&nbsp;Drei B\u00fcnden und verschiedenen Schweizer Kantonen aufgeteilt. Sowohl Graub\u00fcnden als auch die Schweiz herrschten \u00fcber sogenannte Untertanenl\u00e4nder, die \u00e4hnlich wie Kolonien verwaltet und ausgebeutet wurden. Das f\u00fchrte immer wieder zu Widerstand, teilweise auch zu gewaltsamem Widerstand.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Rolle spielt die&nbsp;Geographie&nbsp;f\u00fcr Ihre Forschung?<\/strong>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die&nbsp;Topographie&nbsp;ist in dieser Region von zentraler Bedeutung. Seen, Flusst\u00e4ler und Gebirgsz\u00fcge trennten die dort lebenden Gruppen voneinander, verbanden sie aber zugleich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das zerkl\u00fcftete Gel\u00e4nde machte Zusammenarbeit notwendig: f\u00fcr Handel, Nahrungsmittelproduktion, Versorgung, Austausch und Verteidigung. Die Landschaft war also nicht&nbsp;einfach nur&nbsp;Hintergrund, sondern sie pr\u00e4gte soziale Beziehungen, politische Abh\u00e4ngigkeiten und kulturelle Austauschprozesse wesentlich mit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie sprechen auch von sozialer Mobilit\u00e4t und unterschiedlichen Weltbildern. Warum ist das f\u00fcr die Musikgeschichte relevant?<\/strong>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der betrachteten Zeit wies die Region eine etwas h\u00f6here soziale Mobilit\u00e4t auf als viele andere europ\u00e4ische Regionen. Das gilt sowohl f\u00fcr Aufstiegs- als auch f\u00fcr Abstiegsbewegungen. Unterschiedliche politische und wirtschaftliche Systeme konkurrierten miteinander, w\u00e4hrend Naturkatastrophen und milit\u00e4rische Auseinandersetzungen zus\u00e4tzliche Unsicherheiten erzeugten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kommt, dass verschiedene kosmologische Systeme nebeneinander existierten. Man findet Weltanschauungen, die auf neuplatonischen, aristotelischen oder cartesianischen Philosophien beruhen. Diese Vielfalt zwang die Menschen dazu, \u00fcber Unterschiede nachzudenken, Identit\u00e4ten zu stabilisieren oder auch infrage zu stellen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Genau deshalb sind f\u00fcr diese Region mehr private und \u00f6ffentliche Dokumente \u00fcberliefert, als man vielleicht erwarten w\u00fcrde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Quellen sind f\u00fcr das Projekt besonders wichtig?<\/strong>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders wichtig sind pers\u00f6nliche Gebetb\u00fccher. Sie enthalten oft handschriftliche Noten und er\u00f6ffnen damit Einblicke in individuelle religi\u00f6se und musikalische Praktiken.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Quellen sind f\u00fcr die Fragestellung zentral, weil sie Perspektiven festhalten, die in der traditionellen Musikgeschichtsschreibung h\u00e4ufig kaum vorkommen. Sie geben Hinweise darauf, wie marginalisierte Gruppen geistliche Ges\u00e4nge nutzten, ver\u00e4nderten, weitergaben und in ihre eigenen Lebenszusammenh\u00e4nge integrierten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was l\u00e4sst sich an diesen Quellen konkret nachvollziehen?<\/strong>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie zeigen, dass musikalisches Leben nicht nur in den gro\u00dfen Zentren stattfand. Geistliche Ges\u00e4nge waren Teil lokaler, regionaler und transregionaler Aushandlungsprozesse. Sie bewegten sich zwischen Sprachen, Konfessionen, politischen Ordnungen und sozialen Gruppen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Damit wird Musikgeschichte nicht mehr nur als Geschichte von Werken, Komponist*innen&nbsp;oder Institutionen sichtbar, sondern als Geschichte von Praktiken, \u00dcbertragungen, Anpassungen und Grenz\u00fcberschreitungen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein besonders aufschlussreiches Beispiel sind Ges\u00e4nge aus Chiavenna in Italien. Dort wurden die \u00dcberreste des Oratoriums in Verbindung mit einer Quelle geistlicher Ges\u00e4nge aus dem 17. Jahrhundert untersucht, die dort entstanden sind. Ein weiterer wichtiger Quellenbestand befindet sich im Graub\u00fcndner Staatsarchiv in Chur, wo Gebetb\u00fccher aufbewahrt werden, die f\u00fcr das Projekt von gro\u00dfer Bedeutung sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem sind einige der Ges\u00e4nge aus Chiavenna in der Kirche\u00a0Nossaduna\u00a0dalla\u00a0Glisch bei Trun in der\u00a0Surselva\u00a0in anderer Gestalt wieder aufgetaucht. Gerade solche Wiederbegegnungen sind besonders aufschlussreich, weil sie zeigen, wie Ges\u00e4nge \u00fcber sprachliche, konfessionelle und territoriale Grenzen hinweg zirkulieren und sich dabei ver\u00e4ndern konnten.\u00a0<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\"><div class=\"lazyblock-links-1VfKuO wp-block-lazyblock-links\"><div class=\"side\">\n  <hr>\n        <div class=\"item link\">\n        <a href=\"https:\/\/stella-musikhochschule.ac.at\/forschungsprojekt\/geistliche-gesaenge-im-raum-zwischen-comer-see-und-bodensee-im-zeitalter-der-gegenreformation\" target=\"\">\n          <span class=\"title\">Geistliche Ges\u00e4nge im Raum zwischen Comer See und Bodensee im Zeitalter der Gegenreformation<\/span>\n          <i class=\"arrow-link\"><\/i>\n        <\/a>\n      <\/div>\n      <\/div><\/div><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch mit\u00a0Prof. Dr.\u00a0Hendrik Schulze \u00fcber geistliche Ges\u00e4nge, Grenzr\u00e4ume und marginalisierte Gruppen im Alpenraum\u00a0 Herr&nbsp;Professor&nbsp;Schulze, worum geht es in Ihrem aktuellen Forschungsprojekt?&nbsp; Das Projekt widmet sich einem der aus meiner Sicht dr\u00e4ngendsten methodologischen Probleme der aktuellen historischen Musikwissenschaft: der Frage, wie die Geschichte der Musik marginalisierter Gruppen angemessen dargestellt werden kann.&nbsp; Im europ\u00e4ischen musikwissenschaftlichen Kontext [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-6558","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unkategorisiert"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v26.8 - 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